Zum Inhalt springen
Titelblatt Jungsozialistische Bla _tter 1929
Titelblatt Jungsozialistische Blätter 1929

Eine Buchempfehlung von Sven Wieduwilt

„Wessen Welt ist die Welt“ – so lautet die letzte Zeile in Brechts Solidaritätslied und so lautet der Titel des Buches über die Geschichte der Jusos von Thilo Scholle und Jan Schwarz, das in diesem Jahr auch im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr der Sozialdemokratie erschienen ist.
Das Buch stellt keine wissenschaftliche Aufarbeitung der Juso-Geschichte dar, der Umfang von ca. 240 Seiten würde dafür wohl auch nicht ausreichen. Das Buch liefert aber einen gelungenen Überblick über die Entwicklung der Arbeiterjugend - und hier insbesondere der Jungsozialisten - seit den Anfangsjahren während des Kaiserreiches. Es zeigt die Entwicklung während der Weimarer Republik auf, das Verhältnis zwischen den damaligen Arbeiterjugendverbänden und die Debatten, die damals innerhalb der Jungsozialisten stattgefunden haben.
Auch die Zeit des Faschismus, der Zerschlagung der Arbeiterbewegung und des Exils wird von den Autoren des Buches betrachtet – im Wesentlichen durch die Darstellung der Biographien früherer (prominenterer) Jungsozialisten, z.B. Willi Eichler, Erich Ollenhauer, Max Westphal, Gustav Dahrendorf, Anna Siemsen oder Maria Saran, und damit von Personen, die – vielleicht mit Ausnahme von Ollenhauer – in Vergessenheit geraten sind.

Nach der Wiederbegründung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Jahr 1945 ergab sich auch die Frage der Schaffung einer Jugendorganisation. Die Parteiorganisation war durch Verfolgung, Illegalität und die Flucht in das Exil während des Faschismus stark angeschlagen, von der Organisation einer Parteijugend konnte gar keine Rede mehr sein.
Bereits 1945 gründeten sich die ersten lokalen Juso-Gruppen. Die offizielle Gründung seitens der SPD erfolgte jedoch erst später. 1946 beschloss der Parteitag der SPD in Hannover die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD“. Die im gleichen Jahr in Nürnberg stattfindende SPD-Jugendkonferenz legte die Richtlinien für die Jusos fest: Der Arbeitsgemeinschaft sollten alle jungen Parteimitglieder bis zum Alter von 35 Jahren angehören. Zu den Hauptaufgaben der Jusos gehörte die politische Bildung und Schulung - künftige Parteifunktionäre sollten ausgebildet und an die politische Arbeit herangeführt werden. Und dieser Aufgabe kamen die Jusos in den ersten zwanzig Jahren der Bundesrepublik nach. Erst mit der Auseinandersetzung um den (früheren sozialdemokratischen Studentenbund) SDS, die zu einem Unvereinbarkeitsbeschluss des SPD-Parteivorstandes Anfang der 60er Jahre führte, die Debatte um die Notstandsgesetzgebung und das Entstehen der Studentenbewegung lösten sich die Jusos aus der Funktion der „Parteijugend“. Mit der sog. „Linkswende“ der Jusos 1969 definierten sie sich als sozialistischer Richtungsverband.
Thilo Scholle und Jan Schwarz zeichnen diesen Weg der Jusos nach, erläutern die Hintergründe und den historischen Kontext und gehen im Folgenden auf die Debatten und Entwicklungen innerhalb des Juso-Verbandes in den 70er Jahren ein, zeigen die Herausbildung der politischen Lager in Antirevisionisten, Reformsozialisten und Hannoveraner Kreis („Stamokap“) und die sich hieraus ergebenden Konflikte auf. Vieles davon ist - zumindest als Stichwort – der Öffentlichkeit vielleicht noch bekannt, auch weil die damaligen Akteure der Jusos bis in unsere Zeit wichtige Funktionen in der SPD und der Gesellschaft innehatten. Zu nennen sind in dem Zusammenhang Gerhard Schröder, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Uwe Benneter, Wolfgang Jüttner u.a.

Titelblatt Bundeskongress-Beschlussbuch 2012
Titelblatt Bundeskongress-Beschlussbuch 2012

„Neue Impulse und alter Streit. Die vermeintlich verlorenen 1980er-Jahre“ – so die von den Autoren gewählte Überschrift des Kapitels über die 80er-Jahre. Sie weist auf das Problem der Streitigkeiten der politischen Lager innerhalb der Jusos hin, das mit dazu beigetragen hat, dass die Bedeutung der Jusos in der Öffentlichkeit immer weiter zurückging. Die Überschrift weist aber auch auf positive Entwicklungen hin. So führten die Jusos – mit unterschiedlicher Analyse und Akzentsetzung – Debatten über die Bedeutung der Arbeit, die Differenzierungen in der jungen Generation, sie setzen die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit auf die Tagesordnung und griffen die Debatten der Ökologiebewegung auf.
Das letzte Kapitel widmen Thilo Scholle und Jan Schwarz der Entwicklung seit der Wiedervereinigung bis heute – ein Zeitraum, den beide Autoren, worauf sie im Vorwort auch hinweisen, als aktive Jusos an verantwortlicher Position mitgestaltet haben. Es war eine Entwicklung des Juso-Verbandes hin zu Stabilisierung und Konsolidierung, eine Entwicklung, die nicht gradlinig verlief und die auch mit Krisen und Konflikten verbunden war. Konflikte übrigens nicht nur innerhalb des eigenen Verbandes und seinen Flügeln – Konflikte oftmals auch mit und gegen die „Mutterpartei“, so, um prägnante Beispiele zu nennen, Anfang der 90er Jahren bei der Debatte um die Änderung des Grundrechtes auf Asyl oder in den Jahren 2003/2004 bei der Diskussion um die Agenda 2010. Das Buch endet in der Chronologie der Verbandsgeschichte mit dem „Workers Youth Festival“, das Anfang Mai in Dortmund stattgefunden hatte und an dem „mehr als 4000 junge Sozialistinnen und Sozialisten aus aller Welt anreisten“ – durchaus ein Beleg für die Lebendigkeit und Attraktivität von Organisation und Idee. Letzteres greifen die beiden Autoren auch am Ende des Buches auf, wenn sie schreiben: „Einigendes Band war über alle Jahre hinweg bis heute das Bekenntnis als sozialistischer, feministischer und internationalistischer Verband.“

Das Buch bietet einen gelungenen Überblick über die Juso-Geschichte, eine Organisation, die das Leben und die politische Arbeit von vielen Genossinnen und Genossen über mehrere Generationen geprägt hat, und ist für jeden zu empfehlen, der sich hierfür interessiert – übrigens auch jenseits des 35. Lebensjahres, mit dem die Juso-Mitgliedschaft nach wie vor endet.

Thilo Scholle / Jan Schwarz
»WESSEN WELT IST DIE WELT?«
Geschichte der Jusos
240 Seiten
Preis 20,00 €
Vorwärts-Buch
ISBN 978-3-86602-761-9
http://www.vorwaertsbuchverlag.de/buecher/%C2%BBwessen-welt-ist-die-welt%C2%AB

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.